ADHS, iPads, Schlaf und Konzentrationsprobleme: Im Licht neuer Erkenntnisse

In den Schulen hält sich bis heute die Vorstellung, dass leicht ablenkbare Kinder und Kinder mit ADHS möglichst weit weg vom Fenster sitzen sollen, da sie von den Dingen, die draußen passieren, schnell abgelenkt würden. Zusätzlich wird ADHS häufig mit Schwierigkeiten der exekutiven Funktionen und der Aufmerksamkeit in Verbindung gebracht. Sind diese Symptome wirklich die Kernfragen bei ADHS oder liegen hier vielleicht andere Ursachen zugrunde? Dieser Artikel befasst sich mit dieser Fragestellung im Detail und zeigt auf, dass es für manches leicht ablenkbares Kind besser wäre, näher am Fenster zu sitzen

Den meisten Eltern ist bewusst, dass kein Kind genauso ist wie ein anderes. Dementsprechend wissen wir auch, dass zwei Kinder mit ADHS ganz unterschiedlich sind, auch wenn sie die gleiche Diagnose haben. Seltsamerweise beginnt die Psychiatrie erst seit kurzer Zeit, diese anzuerkennen.

In den letzten Jahren wurde es immer deutlicher, dass die ADHS-Behandlung mit Psychostimulanzien, wie z. B. Ritalin, nur bei 30 bis 40% der Patienten über eine Dauer von mehr als zwei Jahren eine Verbesserung zeigt. Aufgrund dieser neuen Erkenntnisse sollten wir auch akzeptieren, dass es möglicherweise mehr als den einen Grund für ADHS gibt, und dass es sich – aus neurobiologischer Perspektive – nicht um eine homogene Störung handelt.

Diese Entwicklung wird häufig als „Personalisierte Medizin“ oder „Präzisionsmedizin“ bezeichnet. Sie geht davon aus, dass „ADHS-Verhalten“ viele Gründe haben kann, und dass deshalb auch eine entsprechende Vielfalt an Behandlungsansätzen zur Verfügung stehen muss.

Bei neuroCare haben wir in den letzten 10 bis 15 Jahren solche ADHS-Subgruppen untersucht. Unsere Studien weisen auf eine Subgruppe bei Kindern hin, deren Hirnaktivität (gemessen mit einem Elektroenzephalogramm oder EEG) klare Anzeichen von Müdigkeit zeigt. Diese Subgruppe scheint gut auf psychostimulante Medikamente (wie z.B. Ritalin) anzusprechen. Konzeptuell betrachtet ist nachvollziehbar, dass ein solches Medikament einen Effekt haben sollte, wenn es Anzeichen von Schläfrigkeit gibt.

In den letzten 10 Jahren haben wir das Neurofeedback als ADHS-Behandlung ausführlich untersucht. Leider behaupten manche Gruppierungen, dass Neurofeedback für alle möglichen Anwendungen einsetzbar ist. Wenn man im Internet recherchiert, bekommt man fast den Eindruck, dass Neurofeedback ein Allheilmittel ist. Außerdem gibt es viele verschiedene „Neurofeedback-Methoden“, von denen nur manche gut untersucht sind und nachweislich einen guten klinischen Effekt bei ADHS haben. Es gibt aber auch viele fragwürdige Methoden, die bisher noch gar nicht untersucht worden sind.

Bei der Wahl eines Therapeuten sollte man also eher denen vertrauen, die sich spezialisiert haben, also z.B. Therapeuten, die ausschließlich ADHS therapieren. Außerdem sollte die Behandlung mit Neurofeedback - genau wie auch die reguläre ADHS-Therapie - nur von ausgebildeten Psychologen durchgeführt werden (und das ist häufig nicht der Fall).

Während der Arbeit mit Neurofeedback bei ADHS ist uns aufgefallen, dass die „häufigste „Nebenwirkung“ ein verbesserter Schlaf der Patienten ist, selbst wenn es eigentlich keine Schlafprobleme gegeben hat. Aufgrund dieser Tatsache und anderer Studien, die den „Schlaf-verbessernden Effekt“ von Neurofeedback beschrieben haben, haben wir kürzlich ein Modell veröffentlicht, das Schlafstörungen mit Symptomen des ADHS-Spektrums (wie Konzentrationsprobleme, Impulsivität usw.) in Verbindung bringt  (Arns & Kenemans, 2012).


Was hat diese Beziehung zwischen Schlafproblemen und ADHS-Symptomen für Folgen?

Um das zu verstehen, ist es wichtig, zwischen „Schlafentzug“, d. h. einer ganzen Nacht ohne Schlaf, welcher die Tagesform erheblich beeinflusst, und Schlafverminderung zu unterscheiden. Schlafverminderung bedeutet, eine halbe oder eine Stunde weniger als normal zu schlafen. Es ist bekannt, dass Schlafverminderung auf Dauer zu verschlechterten Aufmerksamkeitsleistungen und den typischen, oben beschriebenen Müdigkeitsanzeichen im EEG führt.

Wenn Erwachsene über zwei Wochen statt der empfohlenen acht nur sechs Stunden pro Nacht schlafen, verschlechtert sich ihre Aufmerksamkeit und Konzentration von Tag zu Tag. Wenn man sie nach zwei Wochen mit vermindertem Schlaf nach ihrer Tagesform fragt, werden sie keine Beschwerden äußern. Messen wir die Aufmerksamkeit jedoch objektiv, zeigt sich ein Rückgang auf das Niveau, dass eigentlich nach zwei durchwachten Nächten zu erwarten gewesen wäre!

Der große Unterschied zwischen Schlafentzug und Schlafverminderung ist, dass die Person genauso viele Nächte mit normalem achtstündigen Schlaf braucht, um ihre Aufmerksamkeitsfunktionen zurück auf das Level vor der Schlafverminderung zu bringen.
Mit anderen Worten, an den Wochenenden auszuschlafen reicht nicht aus, um sich vom Schlafmangel während der Woche zu erholen. Außerdem haben große Studien gezeigt, dass die Schlafdauer positiv mit den Exekutivfunktionen und der Leistungsfähigkeit in der Schule korreliert und dass sie negativ mit externalisierendem Verhalten korreliert (unfolgsames, störendes, hyperaktives und impulsives Verhalten, usw.). Man hat außerdem in verschiedenen Studien festgestellt, dass gesunde Kinder, die weniger Schlaf bekommen, mehr „ADHS-typisches“ Verhalten zeigen.

Aus dieser Perspektive heraus ist es auch interessant zu wissen, dass Kinder heute im Durchschnitt eine Stunde und 15 min weniger schlafen als vor 100 Jahren. Verschiedene Studien haben diesen Trend weiter bekräftigt und zeigen, dass die Gehirnaktivität der Kinder in den letzten zehn Jahren mehr Anzeichen von Müdigkeit zeigen.

Hieraus wird klar, dass Schlaf eine fundamentale Rolle für die Bewältigung täglicher Aufgaben darstellt und dass er außerdem eine Rolle in der Entstehung von Problemen spielt, die auch bei ADHS auftreten. Diese Erkenntnisse könnten teilweise auch erklären, warum Konzentrationsprobleme und die Prävalenz für ADHS in den letzten Jahren angestiegen ist.

Es ist bekannt, dass verschiedene Schlafstörungen bei Kindern mit ADHS häufiger vorkommen als bei gesunden Kindern, wie z.B. das Restless Legs Syndrom (RLS), Atembeschwerden oder Schlafapnoe (diese zeigt sich durch Schnarchen und kurzzeitige Atemaussetzer während des Schlafes). Interessanterweise haben verschiedene Studien gezeigt, dass die Behandlung von Schlafstörungen wie RLS oder Schlafapnoe auch die ADHS-Symptome erheblich verbessert hat.

70 bis 80% der Kinder und Erwachsenen mit ADHS leiden an einer Einschlafstörung und haben z.B. Probleme, zu einer altersangemessenen Zeit einzuschlafen. Dieses Problem ist nicht nur subjektiv, sondern es lässt sich laut einer niederländischen Forschungsarbeit auch objektiv über die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin am Abend messen.

Für ein besseres Verständnis muss man wissen, dass wir im Auge neben den Zapfen und Stäbchen (zuständig für die Verarbeitung visueller Informationen) noch eine dritte Rezeptorart in unseren Augen haben – den Melanopsin-Rezeptor. Dieser Rezeptor reagiert empfindlich auf die blauen Anteile im Lichtspektrum und ist für die Regulierung unserer „inneren Uhr“ verantwortlich. Unsere biologische Uhr hat sich über die letzten Millionen Jahre mit blauem Licht am Morgen, also zu der Zeit in der das Sonnenlicht am intensivsten ist, entwickelt und darauf eingestellt.

Gleichermaßen hemmt zu viel blaues Licht am Abend die Bildung des Schlafhormons Melatonin und man wird erst später müde und schläft viel später ein.

Die altmodische Glühbirne oder weißglühendes Licht strahlt vor allem Licht im roten Spektrum, kaum jedoch im blauen Spektrum aus (deshalb sind die weißglühenden Birnen energetisch ineffizient, da ein Großteil der Energie in Infrarotlicht, also Wärme, umgewandelt wird). Dagegen haben moderne LED-Lampen und Energiesparlampen, sowie auch Tablets, Computerbildschirme und Mobiltelefone, einen hohen Lichtanteil im blauen Spektrum und strahlen deshalb viel blaues Licht aus (Sie können das anhand des blauen Lichtstrahls auf dem Gesicht einer Person sehen, die im Dunkeln auf ein Smartphone oder Tablet schaut.). Wenn wir uns zur falschen Tageszeit, z. B. am Abend, diesem Licht aussetzten, kann es unsere biologische Uhr stören. Wir schlafen später ein und schränken damit unsere Schlafdauer wie oben erklärt ein. Interessanterweise kann dieser Effekt umgekehrt werden, wenn wir uns am Morgen verstärkt blauem Licht aussetzen.

Aufgrund dieser Daten können wir einen Zusammenhang zwischen der Zeit, die wir im Sonnenlicht verbringen, und der Prävalenz für ADHS annehmen. Letztes Jahr veröffentlichten wir in der Fachzeitschrift „Biological Psychiatry“ eine Studie, in der wir genau diesen Zusammenhang demonstriert haben. In diesem Diagramm ist die Prävalenz für ADHS auf der linken Seite dargestellt, die jährliche Intensität des Sonnenlichts (in kWh/m²/Jahr) auf der rechten Seite. Die Ergebnisse zeigen, dass eine hohe Sonnenlichtintensität mit einer niedrigeren Prävalenz für ADHS einhergeht.
Seitdem haben wir diese Beziehung in fünf verschiedenen Studien bestätigt, darunter in einer Erhebung in europäischen Ländern. Dabei haben wir festgestellt, dass diese Beziehung 34-57% der Prävalenz in den USA und anderen Ländern erklärt. Dies ist ein beachtlicher Anteil!

Video 1: Die blaue Karte gibt die ADHS-Prävalenz in verschiedenen Bundesstaaten der USA an. Hier wird sichtbar, in welchen Regionen im Südwesten die ADHS-Prävalenz niedriger ist (hellblau: CDC 2003). Die farbige Karte gibt die Sonnenintensität in kWh/m²/Tag wieder: NREL . Das Video zeigt die Regionen, welche eine besonders hohe Lichtintensität (rote Gebiete) bei gleichzeitig niedriger ADHS-Prävalenz (blaue Gebiete) aufweisen. Es scheint, dass eine hohe Intensität des Sonnenlichtes einen gewissen Schutz vor ADHS bietet. Um das Video noch einmal anzusehen, klicken Sie noch einmal auf die Start-Schaltfläche.

Welche Rolle spielen iPads, PCs und LED-Lampen? Und wie kann man ADHS vorbeugen?

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob es empfehlenswert ist, Kinder abends vom iPad und Computer fernzuhalten. Unsere Forschungen zeigen, dass ausreichend Zeit, die im Tageslicht verbracht wird, eine vorbeugende Wirkung auf ADHS haben könnte. Nach unserem Verständnis liegt aber eine weitere Ursache für ADHS darin, dass wir am Abend zu viel blauem Licht ausgesetzt sind. Es ist wohl kaum realistisch, moderne Medien aus den Abendstunden zu verbannen. Es gibt allerdings kostenfreie Software (wie F.lux), welche die Farbeinstellung des Bildschirms an Computer, Mac oder iPad auf die Tageszeit anpassen.

Hersteller moderner Mediengeräte sollten vielleicht darüber nachdenken, diese Funktion standardmäßig einzubauen. Außerdem könnte man LED-Lampen herstellen, die weniger blaues Licht ausstrahlen.
Ein einfach umsetzbarer Rat wäre es schon, am Morgen mehr Zeit im Tageslicht zu verbringen. Ein Projekt, von dem wir immer noch träumen, ist, die Dächer von Schulen zu öffnen, um die Klassenräume mit natürlichem Tageslicht auszuleuchten. Die einzige „Nebenwirkung“ einer solchen Maßnahme wäre, dass sie aufgrund großer Einsparungen bei den Energiekosten ökologisch nachhaltig wäre. Und wahrscheinlich gäbe es weniger Konzentrationsprobleme und ADHS in den Klassenzimmern. Bis dahin sind so einfache Ratschläge wie morgens den Hund auszuführen, in die Schule zu laufen oder mit dem Fahrrad zu fahren, statt das Auto zu nehmen, oder ein leicht ablenkbares Kind näher ans Fenster zu setzen, ein guter Anfang.


ADHS-Behandlung

Weitere Informationen zur Therapie und Behandlung von ADHS und wie wir den Schlaf für unsere Untersuchungen messen, finden Sie im Abschnitt ADHS-Behandlung  und im nachfolgenden Infovideo.